Jetzt schreiten sie alle

Installation mit Objekten aus Keramik, 2018

Interview mit Lars Kollros zur Arbeit „Jetzt schreiten sie alle“

Wohin schreiten die Gestalten mit den vielen Gender-Symbolen?
Bei dieser Arbeit ist das Schreiten selbst wichtig, und von wo aus geschritten wird. Die Gestalten bewegen sich symbolisch aus dem Nichtdefinierten, Namenlosen, Unausgesprochenen heraus in eine aktive, greifbare, politische Realität – aus dem Zustand des „Gefährdet Seins“. Um daraus zu kommen brauchen sie als erstes einen Namen: sei es Transgender, Genderqueer, Bigender oder Genderfluid.

Was meinst du mit gefährdet sein?
Damit spiele ich auf die Pathologisierung und Diskriminierung derjenigen an, die von der Gesellschaft als „außerhalb der Norm“ betrachtet werden. Gefährdet sind wir auch, wenn wir von anderen mit Namen oder Kategorisierungen wie etwa “Mann” oder “Frau” benannt werden, unter welchen das Leben uns als nicht lebbar erscheint, weil wir uns nicht damit identifizieren können und darunter leiden, was bekanntermaßen sogar bis hin zum Selbstmord führen kann.

Deine Arbeit heißt „Jetzt schreiten sie alle“, was meinst du mit „jetzt“?
Die Arbeit knüpft an das bildhauerische Werk von Alberto Giacometti an. Er war der Bildhauer, der einen Mann in den Zustand des Schreitens versetzt hatte. Dagegen sind seine weiblichen Darstellungen immer passiv, im Stehen erstarrt. Diese Tatsache hat mich zum Nachdenken gebracht, wer es heute besonders nötig hätte aufzubrechen oder auszubrechen. Ich habe als erstes eine Frauenfigur modelliert, die dann unter meinen Händen zerfallen ist. Dieses Missgeschick hat mich zum weiteren Nachdenken bewegt und so kam ich dazu, dass sie jetzt ALLE, unabhängig von geschlechtlicher Zuschreibung, in Bewegung kommen sollen – Male, Female, Bigender, Transgender – mit einem Wort alle, für die es einen Namen gibt.

Und was ist mit denjenigen, die keinen Namen haben?
Die müssen wohl im Prekären bleiben, im Zustand des „Gefährdet Seins“, bis sie einen Namen für sich finden.

Und die schreiende Figur?
Diese Figur ist die einzige, die nicht schreitet. Sie könnte die Verkörperung der Namenlosen sein, isoliert von allen anderen, erstarrt in der Passivität.

Deine Arbeiten wirken sehr filigran für Keramik. Hattest du nicht Schwierigkeiten bei der Herstellung?
Tatsächlich zerbrach jede dritte Figur bevor ich sie brennen konnte. Ich würde es aber nicht als Schwierigkeit bezeichnen. Ich sehe in diesem Zerbrechen eine Verbindung von dem materiellen Gefährdet Sein meiner ungebrannten Keramikplastiken zu der fragilen Konstruktion der menschlichen Identität, in der die Frage des Genders eine zentrale ist.

Ist die Frage des Genders eine zentrale?
Der Mensch braucht Begriffe, um sich in der Welt orientieren zu können, und die Zeit hat gezeigt, dass man mit den Zuschreibungen Mann und Frau nicht mehr weiter kommt. Deswegen musste man „queer“ denken. Für mich bedeutet es nichts anderes, als einen Spalt in die Strukturen der Macht einzufügen. Heute gibt es eine breitere Auswahl an Zuschreibungen. Somit ist aber das Problematische einer Zuschreibung nicht aufgelöst. Für viele aber ist es die Möglichkeit, ein lebenswertes Leben führen zu können. Irgendwann einmal werden auch diese Zuschreibungen nicht mehr ausreichen und dann muss man wieder „queer“ denken.

Ist es ein Privileg „queer“ denken zu können?
Sowohl „queer“ denken zu können als auch „queer“ denken zu dürfen ist ein Privileg. Ich muss erst mal die Fähigkeit besitzen, in die Entgegengesetzte Richtung zu dem etablierten Strom denken zu können. Da aber dieses Phänomen die Machtstrukturen gefährdet, tritt sehr schnell die Frage des Dürfens in den Raum. Je nachdem, wie das Leben in einem System organisiert ist, kann so ein „queeres“ Denken tatsächlich eine Bewegung auslösen oder es wird im Keime erstickt.

Siehst du die Figuren als einzelne Objekte, oder sind sie alle zusammen als eine Kunstinstallation zu betrachten?
Ich sehe sie sowohl als einzelne Figuren überlebensfähig, als auch in der Masse als Kunstinstallation. Natürlich ist die Vielzahl überzeugender und beeindruckender. Außerdem finde ich die Schattenbildung sehr aufregend, und das lineare Durcheinander, das durch die Anhäufung entsteht, hat eine besondere Qualität. Es ist eine wichtige Frage, wie man die Figuren präsentiert. Jede Art des Aufstellens oder des Ausstellens bringt unterschiedliche Assoziationen mit sich, macht andere Gedankengänge möglich.

Hast du bewusst auf eine cis weibliche oder cis männliche Figur verzichtet?
Bewusst ist vielleicht nicht die richtige Bezeichnung. Da mir etliche „male“ Figuren zerfallen sind und die zweite „female“ Plastik formal misslungen ist, dachte ich mir, ich verzichte ganz darauf. Schreitende Männer gibt es schon und Frauen schreiten zu lassen greift mir zu sehr in die klassisch feministische Thematik, diese möchte ich mal dezidierter behandeln. Jetzt geht es mir tatsächlich um die neueren Genderzuschreibungen, die in den letzten Jahrzehnten dem Unsichtbaren entschritten sind.

Wien, 25.07.2018

They all are striding now” ceramic instalation, 2018

Interview with Lars Kollros and Alexandra Zaitseva on the work “They all are striding now”

Where do the figures with the many gender symbols stride to?
In this work, the act of moving and where do they go are the most important facts. They move symbolically from the undefined, nameless, and unspoken into an active, tangible, political reality – out of the state of “being endangered”. To get out of this situation, they need a name: transgender, genderqueer, bigender, gender fluid, etc.. Where do they go is up to them.

What do you mean by “being endangered”?
I allude to the pathologization and discrimination of those who are considered “out of the norm” by the society. We are vulnerable when we are called by names or categorizations, such as “woman” or “man”. Under such categorization, life seems to us not livable, because we can not identify us with them and we suffer from it. We suffer under such constructions, which could even lead us to commit suicide.

Your work is called “They all are striding now”, what do you mean by “now”?
The installation refers to the sculptural work of Alberto Giacometti. He was the sculptor who put a man in the state of walking. However, his female figures are always passive and are frozen in the state of standing still. This fact has made me think about the individuals who has a big need to move or to break out of this status nowadays. When I was handcrafting the female figures, they fractured under my hands after two ours of existing. This mishap has inspired me of another idea. I decided to bring ALL people to move irrespectively of their gender attributions – Male, Female, Bigender, Transgender – in a word, all those who has a name.

And what about those who have no name?
They must remain in the precarious, in the state of being endangered until they find a name for themselves.

And what about the screaming figure?
This figure is the only one who does not move. It could be the incarnation of the nameless. This figure is isolated from all others, frozen in passivity.

Your works are very delicate for ceramics. Did you have difficulties making it?
In fact, every third figure broke before I could burn them. But I would not say it was a difficulty. I see this process of breaking the fragile material similar to the fragility of the construction of the human identity, in which the gender identity stands at the key position of all.

Is the question of the gender so important?
People need concepts to be able to orient themselves in this world and time has shown that one can not go any further with the attributions man and woman. That’s why we have to think “queer”. For me, it means nothing more than inserting a gap in the structures of power. Nowadays there is a rich variety of attributions. However, the real problem of attribution is not resolved with this variety, but for many people, it is an entrance to a livable life. One day even these attributions will be not enough and then we have to think “queer” again.

Is it a privilege to be able to think “queer”?
Being able to think “queer” as well as being allowed to be able to think “queer” is a privilege. First of all, I have to have the ability to think against or against the established stream. But since this phenomenon endangers the power structures, the question will be allowed. Depending on how life is organized in a system, such a “queer” thinking can actually trigger a movement or it is nipped in the bud.

Do you see the figures as individual objects, or are they all groupped together as an art installation?
I think they are survivable both as individual figures and as in the mass of an art installation. Of course, the variety is more impressive. In addition, I am impressed by the shadings, and by the linear chaos which is created by the quantity. It is an important question on how to present the figures. Each type of set-up or exhibition brings different associations. It makes other ways of thinking possible

Have you consciously renounced a cis-female or cis-male figure?
Consciously may be not the right term here. Since several “male” figures have fractured under my hands and the “female” sculpture has failed formally, I thought to myself that I will completely renounce them. To have men move forward and womens moving and stepping on me is a classic feminist theme. I would like to treat this topic more decidedly. Now, I am really concerned with the newer gender attributions, which have escaped the invisible in recent decades.

Vienna, 26 July 2018